Der Ausball

█   Sinn und Zweck des Ausballs

Schon ein geklebter Damenpumps verfügt über einen leichten Ausball, meist aus zartem Vlies. Die Machart des genähter Schuhe erzeugt konstruktionsbedingt einen bis zu 4 mm dicken Hohlraum zwischen Brandsohle und Laufsohle (oder, falls vorhanden, Zwischensohle). Für eine ebene Auftrittsfläche wird dieser Hohlraum wird mit Ausball aufgefüllt.

Gleichzeitig hat der „Ausball“  einen großen Einfluss auf die Passform, die Bequemlichkeit und sogar auf die Langlebigkeit eines Schuhes, da er als Dämpfung zwischen Brandsohle und Laufsohle fungiert. 

Er ist auch einer der Gründe, warum ihr rahmengenähter Schuh sich nach kurzer Tragezeit immer bequemer anfühlt, während andere Schuh irgendwie immer drücken.


Längsschnitt durch den Korkausball eines rahmengenähten Schuhs im neuen Zustand mit neuer Lederohle.
Längsschnitt durch den Korkausball eines rahmengenähten Schuhs im neuen Zustand mit neuer Lederohle.

Der Korkausball passt sich an belasteten Stellen nach und nach individuell an den Fuß an.

Durch das Gewicht des Trägers geschieht dies ganz individuell.

  • durch die Elastizität gibt der Kork der Belastung dynamisch nach und entspannt sich wieder.
  • mit der Zeit arbeiten ständige Belastungspunkte sich statisch in Kork und Leder ein.

 Dieser Anpassungsprozess (Einlaufen) beginnt sehr schnell, in wenigen Wochen bildet der Fuß sein individuelles Fußbett. Nach 1-2 Monaten verlangsamt sich dieser Prozess und zeigt nach ca. ½ Jahr praktisch keine Veränderungen mehr.

 

Die Stärke der Verformung ergibt sich dabei ganz individuell durch

Knochenbau, Muskelbau, Fußform, Gangart, Druckverteilung und Gewicht des Schuhträgers.

Längsschnitt durch den Korkausball eines genähten Schuhs im eingetragenen Zustand mit fast abgelaufener Ledersohle.
Längsschnitt durch den Korkausball eines genähten Schuhs im eingetragenen Zustand mit fast abgelaufener Ledersohle.

Durch dieAbsenkung an den belasteten Stellen sinkt der Fuß tiefer in den Schuh, was den Innenraum minimal – aber entscheidend – vergrößert. Zudem verteilen sich maximale Druckbelastungen auf eine größere Fläche.

 

Ein mit Lederbrandsohle, Korkausball und dicker Lederlaufsohle gut eingelaufenes Fußbett ist dadurch fast(!) mit einer mit dynamischer Gangvermessung und Trittschaum perfekt angepassten teuren orthopädischen Maßeinlage vergleichbar. Das Fußbett ist an die plastische Form angepasst und an den stark belasteten Stellen durch Druck vertieft.

 

Aber nicht nach irgendeinem „Standard" wie bei Konfektionsschuhen mit „anatomisch geformten Fußbett“. Es gibt keinen Standardfuß, er würde Ihrem Fuß auch nichts nützen.

 

Dieses „Fußbett“ hat Ihr Fuß sich ganz individuell selbst erarbeitet. Während der Fuß in orthopädischen Einlagen  zusätzlich entlastet, in seiner Bewegungsfreiheit dadurch aber auch eingeschränkt wird, hat der Fuß bei Schuhen mit selbst erarbeiteten Fußbett noch Platz, sich frei zu bewegen, wird aber durch die Verteilung der Druckbelastung in Maßen entlastet. Das verbessert das „Durchstehvermögen“.

Kork hat sich für diese Anforderung am besten bewährt. Bei der Reparatur von rahmengenähten Schuhen kontrollieren wir daher auch den Sohlenausball.

 

Ist der Korkausball noch gut erhalten und intakt, belassen wir ihn natürlich, schließlich ist die Bequemlichkeit des Schuhes in ihm abgespeichert.

 Sollte er hingegen zerbröselt oder brüchig sein, wird er anlässlich der Reparatur erneuert. Das Korkbett hat dann wieder die Eigenschaften eines neuen, ungetragenen  Schuhs.

█   Wird der Schuh nach der Reparatur und Ausball-erneuerung enger?

 Ganz klares Nein. Aber er fühlt sich so an:

 

Kein Wunder: Mit zerbröseltem Korkausball und einer durchgelaufenen Ledersohle, die an manchen Stellen immer noch die volle Stärke, an anderen Stellen aber nur noch nahe 0 mm (Loch) dick ist beträgt, ist jede Sohle sensationell bequem, wunderbar leicht, weich und anschmiegsam.

 

Mit der Reparatur verschwinden die Löcher, mit Ihnen aber eben auch der zusätzliche Platz, den sie geschaffen haben. Zudem ist nigelnagelneues Leder bedeutend fester als Leder, das (5000 Schritte pro Tag mal 100 Tage im Jahr mal 2 -3 Jahre grob geschätzt etwa) 1 Mllionen Schritte durchgeknetet worden ist. Das gilt prinzipiell für jede Sohlenreparatur.

 

Das ist vielleicht das ärgerlichste: Am Gipfel der Bequemlichkeit angelangt, möchte man den Schuh ungern zum Schuster geben. Lieber noch einen Tag länger die hervorragende Passform genießen...

 Doch der Schuh ist eben auch kaputt, aus der Form geraten und nicht länger tragbar, ohne die Reparaturkosten aufgrund zusätzlicher Schäden unnötig zu erhöhen oder den Schuh gar ganz zu zerstören. 

  

An der eigentlichen Paßform und den Maßen des restlichen Schuhes hat sich durch die Reparatur aber nichts geändert, auch wenn es sich im ersten Moment so anfühlt. Gerade beim rahmengenähten Schuh ist die Paßform ja durch den mit Obermaterial, Futter, Kappen und Brandsohle vernähten Rahmen fixiert. 

 

Durch die neue Laufsohle und den gegebenenfalls neuen Ausball ist der Schuh wieder fester geworden und der Fuß muss sich das liebgewonnene Sohlenbett erst wieder einlaufen. 

Da das Sohlenbett aber – im Gegensatz zum nagelneuen Schuh – auch in die Brandsohle eingetreten ist, die ja nicht ausgetauscht wurde, gestaltet sich das Einlaufen leichter als beim noch neuen Schuh.

 

Der Anfang ist also schon gemacht – und das Team Fuß-Schuh ist nach kurzer Tragzeit wieder eingespielt.

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©Andreas Baumbach 2017,  www.schuhmachereibaumbach.de