Laufen & Gesundheit

Warum Gehen und Laufen die ursprünglichste Medizin des Menschen sind

Innerhalb von nur einer Million Jahren entwickelte sich der Mensch vom kletternden Affen zum ausdauernden Läufer – und schließlich zum Weltraumreisenden. Das Laufen war unser erstes Training, unsere erste Therapie, unser erster Schritt zur Zivilisation. Mit jedem Kilometer trainierte die Evolution Muskeln, Kreislauf und Geist: Wir schwitzen, wo andere überhitzen, laufen, wo andere liegen, und denken, während wir gehen. Wer läuft, aktiviert die älteste Gesundheitsform, die der Mensch kennt – Bewegung als Ursprung des Denkens, der Kraft und der Lebensfreude.

„Innerhalb einer Million Jahre legten wir den Weg von der Steinaxt zur Mondrakete zurück – die gesamte moderne Technik nahm ihren Anfang mit dem bescheidenen Akt des Aufrichtens auf zwei  Beine.”

Desmond Morris aus „Das Tier Mensch”, 1994.

Der deutsch-amerikanische Professor, Zoologe und Ultralangstreckenläufer Bernd Heinrich stellte fest, dass der Mensch als „Ausdauerräuber“ seine Beutetiere buchstäblich zu Tode hetzte. Pfeil und Bogen waren also zur Beutejagd nicht zwingend nötig,  gute Kommunikation unter den Jägern sparte viele Laufkilometer. 

 

So gesehen ist der Mensch tatsächlich allen anderen Läufern überlegen, selbst Antilopen  oder unsere heimischen Rehe sind spätestens nach 30 Kilometern erschöpft. Für trainierte Menschen hingegen sind sogar 100 Kilometer oder noch mehr im Bereich des Möglichen. 

 

 Schon die antiken Griechen kannten diese Leistungsfähigkeit: Der Bote Pheidippides lief im Jahr 490 v. Chr. nach Angaben von Herodot von Athen nach Sparta – rund 240 Kilometer –, um Hilfe gegen die Perser zu erbitten. Er soll die Strecke in zwei Tagen bewältigt haben.

 

Diese Episode ist historisch zuverlässiger belegt als die spätere Legende vom „Marathonlauf“ nach Athen, die erst in späteren Quellen auftaucht und den modernen Marathonlauf inspirierte. Der lange Hilfslauf nach Sparta aber zeigt, dass Menschen schon vor 2.500 Jahren verstanden, wie einzigartig ihr Körper für extreme Distanzen gebaut ist.

 

 

In Erinnerung an diese Leistung wird heute jedes Jahr der Spartathlon ausgetragen, ein Ultralauf über 246 Kilometer von Athen nach Sparta, der innerhalb von 36 Stunden absolviert werden muss. Nur gut trainierte Läuferinnen und Läufer schaffen es, rechtzeitig in Sparta anzukommen – ein moderner Beleg dafür, dass die Kombination aus Pendel und Feder den Menschen zur ultimativen Ausdauer-Spezies gemacht hat.

 Einen weiteren evolutionären Vorteil bildeten die vielen Schweißdrüsen des Menschen, davon die meisten am Fuß.  Kein anderes Tier verfügt über eine derart luxuriöse Wasserkühlung, deswegen springt Ihr Hund Ihnen im Winter voraus, aber im Sommer hechelt er Ihnen hinterher. Gerade heiße Tage erleichterten also die Jagd.

 

Biomechanisch ist unsere Form der Fortbewegung hinsichtlich der Hebelwirkungen in Fuß und Beinen so außergewöhnlich effizient, das wir verhältnismäßig wenig Energie verbrauchen. 

Am 20. Juli 1969 fotografierte Buzz Aldrin seinen Fußabdruck auf dem Mond, um die Bodenmechanik der Mondoberfläche zu untersuchen. Im Laufe der Zeit entwickelte dieses Foto sich zum Synonym für die Eroberung des Weltraums durch den Menschen.  Bild: NASA.

Am 20. Juli 1969 betrat Buzz Aldrin als zweiter Mensch den Mond und fotografierte seinen Fußabdruck.

Im Laufe der Zeit entwickelte dieses Bild sich zum Synonym für die Eroberung des Weltraums durch den Menschen.  

Foto: Baumbach, privat (Nachgestellt)

Bedeutung des Laufens

Als gelernter Schuhmachermeister beschäftigen wir uns von Berufswegen mit dem Laufen und den damit verbundenen Problemen. Um diese zu verstehen, stellen wir Ihnen hier einmal die Ursprünge unserer – wie sich zeigen wird – sehr speziellen Fortbewegungsmethode vor.

Seit 1 Millionen Jahren laufen wir aufrecht. Das hat uns enorme evolutionäre Vorteile verschafft.

Da uns das Laufen auf zwei Beinen nicht angeboren ist, müssen wir es erstmal mühsam erlernen. Auf den Erfolg sind wir noch heute sowas von stolz, das unsere Eltern und Verwandten die ersten Schritte immer noch mit überschwänglichem Beifall feiern.

 

Zu Recht, denn für den Menschen waren und sind die ersten Schritte tatsächlich eine große Leistung. Stehen oder Laufen stellt unseren Bewegungsapparat vor einige Probleme. Schon das Stehen und das Halten des Gleichgewichts fordert uns einiges an Übung und Geschicklichkeit ab. 

 

Das ist kein Wunder, denn das Laufen ist für den menschlichen Bewegungsapparat überhaupt nicht selbstverständlich. Speziell unsere Füße sind ursprünglich gar nicht für das Laufen entwickelt.


Den ursprünglichen Verwendungszweck unserer Füße können wir heute beim Zoobesuch im Affenkäfig  beobachten.

 

Läuft ein Affe wie ein Mensch mit aufrechtem Oberkörper über den Boden, legt er dabei nur kurze Strecken zurück. Untersuchungen beim Bonobo kamen auf gerade mal 2% aufrecht laufende Fortbewegung. Den Rest der Strecke hangelt er sich lieber von Ast zu Ast.

 

Ein Gibbon-Affe kann hierbei die Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes erreichen. Die Vorteile des aufrechten Ganges liegen also nicht in der Geschwindigkeit.

 

Title: A Journey to Ashango-Land: and further penetration into Equatorial Africa Author: DU CHAILLU, Paul Belloni. Shelfmark: "British Library HMNTS 010096.ee.65." Page: 131 Place of Publishing: London Date of Publishing: 1867 Issuance: monographic Identi

Seine Füße setzt der Affe auch heute fast so differenziert wie seine Hände ein. Aufbau und Zusammenspiel der Knochen, Muskeln, Sehnen und Bänder des Fußes des Menschen sind auch heute noch dem Aufbau der Hand sehr ähnlich. Wie die Hand war unser Fuß grundsätzlich ein Greiforgan, der Muskelaufbau im Vorfuß war auf Zugbelastung, nicht auf Stoßbelastung eingerichtet.

Röntgenaufnahme des menschlichen Fußes

Also gar nicht mehr Laufen?

Denken Sie bitte nicht, der Schuster Baumbach rät hier ganz offiziell vom Laufen ab. Natürlich nicht, denn Jahrhunderttausende langes Laufen hat unsere Füße und den gesamten restlichen Bewegungsapparat an diese Belastung sehr gut angepasst. Im Gegenteil, nur die wenigsten könnten Ihre tägliche Strecke heute noch von Ast zu Ast schwingend zurücklegen. Nicht nur mangels Bäumen.

 

Wir hoffen, Sie können können durch das vorangesagte besser einordnen, warum nach langem Gehen oder Stehen früher oder später alle Füße schmerzen. Im Gegenteil. Es hat lange gebraucht, das die Füße erst am Abend schmerzen.

Mit Übung und besserem Schuhwerk kann man diese Schmerzen lindern. Sie können und sollten so viel und so oft wie möglich laufen, denn dafür gibt es weitere, gute Gründe:


Wer rastet, der rostet. 

Grobgesagt bildet der Körper alles zurück, was längere Zeit nicht verwendet wird. Wer krankheitsbedingt einmal 6 Wochen ruhiggestellt war, hat das erlebt. Daher ist ständige Bewegung  so wichtig,  und weniger aber öfter ist hier mehr als selten aber dafür zuviel. Laufen ist Bewegung, Bewegung benutzt Muskeln und Bänder und verbraucht Energie. Messbar in Kalorien. Um dem Rosten entgegenzuwirken, können Sie die tollsten Sportarten ausüben. Sportarten, die der Mensch Jahrhunderttausende lang garantiert nicht oder höchstens beim Anblick eines Säbelzahntigers ausgeübt hat. 

Laufen ist gut, aber mit der Geschwindigkeit steigt auch die Verletzungsgefahr.

Sie können also eine halbe Stunde bei vollem Tempo Joggen oder 1½ Stunden flott Fahrradfahren. Laufen ist gut, aber mit der Geschwindigkeit steigt auch die Verletzungsgefahr. Sie können also auch 2 Stunden gemütlich Wandern. Der Kalorienverbrauch ist in etwa derselbe. 

 

Wenn man die Anatomie und den Umstand bedenkt, das beim Joggen mehr als das dreifache Körpergewicht auf die Knochen und Gelenke wirkt, beim Wandern aber nur das 1,5-fache, empfiehlt sich - gerade bei einem Körpergewicht von 80 kg oder mehr - doch mehr das Gehen. Denn hier ist die Belastung für Knochen und Gelenke viel geringer.

 

Noch schöner ist es, eine Wandertour von mindestens vierstündiger Dauer zu planen und ein leckeres Picknick im Rucksack zu verstauen. Denn es gibt in unserer Gegend zuhauf schöne Wanderwege, die nach 2 Stunden auch noch ein schönes Plätzchen zum Verweilen bieten. Fernab vom Trubel kann man dann auch ruhig ein paar Kalorien zu sich nehmen.

Wandern ist wichtig

 

Positive Physische Effekte des Wanderns auf

  • das Immunsystem: Regelmäßige Bewegung stärkt das Immunsystem und verringert so die Anfälligkeit an Infektionskrankheiten zu erkranken
  • die Insulinzellen: Durch Bewegung vermehrt sich die Anzahl körpereigener Insulinzellen. Dabei sind längere Belastungen mit niedriger Intensität, wie sie das Wandern darstellt, kurzen Belastungen mit hoher Intensität vorzuziehen
  • die Atemwege: Regelmäßiges Wandern führt zur Vergrößerung des Atemzugvolumens und der Lungenvitalkapazität. Dies hat eine tiefere, regelmäßigere Atmung, eine geringere Atemfrequenz und eine bessere Durchblutung der Lunge zur Folge (vgl. Morris/Hardman 1997).
  • das Alter: Regelmäßiges Gehen bewirkt eine Verbesserung der Kraftausdauer und neuromuskulären Koordination, verringert das potentiell höhere Sturzrisiko von Älteren und steigert die Leistungsfähigkeit, Mobilität und Fitness.
  • das Körpergewicht: Wandern verbraucht zusätzliche Kalorien.
  • die Muskulatur: Wandern  baut bei Ungeübten  zusätzlich Muskulatur auf. Allerdings nicht viel, die effiziente Fortbewegung setzt dem schnell ein Ende, es empfehlen sich Ausgleichssportarten.
  • die Verdauung: Sie leiden unter einem trägen Darm? Egal wo in Ihrer Wohnung die Toilette ist, stellen Sie sich vor, sie ist immer 15.000 Schritte entfernt. Die genaue Zahl der Schritte ist medizinisch (noch) nicht belegt, das aber das Laufen die Peristaltik unterstützt ist gesichert.

 

Positive Psychische Effekte des Wanderns auf

  • Wohlebefinden: Wandern verstärkt durch die langandauernde Belastung die Produktion körpereigener Hormone und Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin. Damit verstärken sich Gefühle des Wohlbefindens und Glücks, negativen Stimmungen wie Trauer und Ärger werden reduziert.
  • Stress: Kontinuierliche körperliche Belastung reduziert akuten Stress, verstärkt die Stressresistenz, reduziert die Produktion des Stresshormons Kortisol und erleichtert die Stressbewältigung.
  • Depression: Teilweise erreicht die antidepressive Wirkung des Wanderns die von einschlägigen Medikamenten und psychotherapeutischen Behandlungsmethoden (vgl. Blumenthal et al. 1999).

 

Kognitive Effekte des Wanderns

 

"Gemessen an Tieren gleicher Größe, gibt es keine effizientere Fortbewegungsart", stellt der britische Biomechaniker Robert McNeill Alexander fest. Unser Forbewegunsapparat nutzt die Energie so effizient, das wir für einen Kilometer in der Ebene genau so viel mechanische Energie benötigen, wie für ein Stockwerk Treppen steigen. 

 

Gehen ist das Tempo, für das der Mensch gemacht ist, Biomechanik und Stoffwechsel sind auf diese Gangart ausgerichtet. Wer schneller rennt, wird schneller müde. 

 

Ganz nebenbei kommen durch neurobiologische Zusammenhänge wohltuende Effekte auf unsere Hirnleistung zum Tragen. So nimmt die Durchblutung des Gehirns bei geringen Gehbewegungen zu, der altersbedingte Abbau von Nervengewebe wird verlangsamt. 

 

"Ich kann nur im Gehen denken", schrieb Jean-Jacques Rousseau in seinen Bekenntnissen, "sobald ich stehen bleibe, denke ich nicht mehr, mein Kopf arbeitet nur mit den Füßen gleichzeitig."  Das Einstein sogar erste Ideen für seine Relativitätstheorie Schritt für Schritt beim Spazierengehen ersann, können Sie in diesem lesenswerten Artikel in der Zeit nachlesen...

 

 

Aufgaben des Schuhmacherhandwerks

Orthopädieschuhmacher haben Patienten – Schuhmacher haben Kunden. Mit unseren anatomischen Beiträgen wollen wir keine medizinische Beratung ersetzen, sondern Verständnis wecken: für die Funktion des Fußes, für die Wirkung des Schuhs – und für das, was man selbst tun kann, um beides gesund zu erhalten.


Viele Menschen treffen dabei instinktiv richtige Entscheidungen: weil sie robuste Schuhe tragen wie ihre Eltern oder weil sie sich dem modischen Zwang zur Bequemlichkeit entziehen. Unsere Texte sollen helfen, solche unbewussten Entscheidungen bewusst zu bestätigen – mit handwerklicher Erfahrung und physiologischem Hintergrundwissen.


Der Schuh ist Funktionsschnittstelle zwischen Mensch und Boden – kein Accessoire, sondern ein Werkzeug. Er soll stützen, wo der Körper es braucht, und fordern, wo er dazu fähig ist. So bleibt der Bewegungsapparat im Gleichgewicht.


Zwischen industrieller Serienproduktion und modischer Schnelllebigkeit sind nur noch wenige Werkstätten geblieben, die den Fuß als funktionelles Organ begreifen. Unsere Aufgabe ist, zu wissen, wie er arbeitet – und welche Auswirkungen jedes Material, jede Naht und jede Dämpfung auf seine Mechanik hat. Deshalb sitzen Schuh- und Orthopädieschuhmacher im ersten Lehrjahr noch gemeinsam in der Klasse: Medizinisches Wissen, handwerkliche Erfahrung und Beobachtung fließen hier zusammen – ein Fundament, das Schlüsseldiensten und reinen Verkaufsbetrieben fehlt.


Wir verstehen unsere Werkstatt als Insel des Bewusstseins: für alle, die den gesunden Fuß gesund erhalten wollen. Hier geht es nicht um Mode, sondern um Funktion, nicht um Trends, sondern um Haltung. Jeder Schritt ist ein kleines Training, jede Bewegung eine Investition in Stabilität.

Für diesen kleiner werdenden Kreis von Menschen, die Instinkt und Einsicht verbinden, besteht diese Werkstatt – nicht als Museum des Handwerks, sondern als Ort der Erhaltung des funktionstüchtigen, leistungsstarken Fußes.

Hinweis: Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder therapeutische Beratung.
Bei anhaltenden Beschwerden wenden Sie sich bitte an einen Arzt oder Orthopädieschuhmachermeister Ihres Vertrauens.
Hinweis: Einzelne Texte und Abbildungen auf dieser Seite wurden unter Verwendung von KI-Systemen (Large Language Models) recherchiert, formuliert oder grafisch erstellt.
Die Inhalte werden jedoch vor Veröffentlichung von einem staatlich geprüften Schuhmachermeister fachlich geprüft, überarbeitet und redaktionell verantwortet.

Die Kennzeichnung erfolgt im Sinne der Transparenzanforderungen nach Artikel 50 der EU-KI-Verordnung (AI Act), die für KI-generierte Inhalte eine nachvollziehbare Offenlegung der Nutzung automatisierter Systeme vorsieht.

 Bilder: British Library / Flickr / Fotolia