Die handwerkliche Ausbildung

Ausbildungsfinanzierung – eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“:
Doch zwei unterschiedliche Wege erzählen zwei unterschiedliche Geschichten.

Blickt man auf die Ausbildung in Deutschland, zeigen sich zwei historisch gewachsene  Linien.

 

Im Handwerk: Der Lehrling wandelte sich vom Zahler eines Lehrgelds zum Empfänger einer Vergütung. Der Meister trägt die Ausbildungskosten nahezu allein: Er stellt Raum und Maschinen, finanziert Material für Übungsarbeiten – und investiert Zeit. Zeit, in der nicht nur die Arbeitskraft des Lehrlings fehlt, sondern auch seine eigene Produktivität sinkt. Ausbildung ist hier echte Wertschöpfungspause, finanziert aus dem Betrieb.

 

An den Hochschulen: Der Student wandelte sich vom Studiengeldzahler zum weitgehend gebührenfreien Studenten – mit der Gesellschaft als Finanzier. Gebäude, Labore, Lehrstühle, Verwaltung: All das wird gemeinschaftlich getragen. Für den Einzelnen fühlt sich das Studium selbst „kostenlos“ an, tatsächlich verlagern sich die Kosten nur.

 

Seit 2012/14 – die formale Gleichstellung: Der Meisterabschluss steht im Deutschen und Europäischen Qualifikationsrahmen auf derselben Niveaustufe wie der Bachelor (Niveau 6). Auf dem Papier gleichwertig – in der Finanzierung gegensätzlich organisiert.

 

Wenn Qualifikationen als gleichwertig gelten, warum werden beide Ausbildungswege finanziell so ungleich behandelt?

Chronik der Ausbildungswege und der Verteilung der Kosten

Epoche Handwerk Hochschule
Mittelalter
(bis 18. Jh.)
Lehrling zahlt Lehrgeld an den Meister (für Ausbildung, Kost & Logis). Zugang meist nur für Kinder wohlhabender Familien. Studenten zahlen Studiengebühren, Prüfungs- und Einschreibgebühren. Zugang nur für Eliten (Kirche, Adel, Patriziat).
Industrialisierung
(19. Jh.)
Lehrgeld wird ungleichmäßig: In „feinen Handwerken“ üblich, in schweren Gewerben sinkt es; Lehrlinge erhalten teils kleine Zuschüsse. Universitäten verlangen Gebühren, zunehmend aber staatlich subventioniert. Humboldtsches Ideal: Bildung als Staatsaufgabe, dennoch elitär.
Weimarer Republik
(1919–1933)
Lehrgeld oft faktisch abgeschafft, aber nicht gesetzlich. Manche Familien zahlen weiter für „gute Meisterstellen“. Lehrlinge bekommen vereinzelt Lehrlingsgeld. Studiengebühren existieren, aber moderat. Erste Stipendien fördern begabte Kinder aus nicht-wohlhabenden Familien.
Drittes Reich
(1933–45)
Ausbildung stark reglementiert, Lehrgeld praktisch abgeschafft, aber Vergütung unsystematisch. Studiengebühren bestehen weiter, Hochschulen stark politisiert.
Nachkrieg / BRD
(1945–1969)
Meister tragen Kosten privat. Ausbildungsvergütungen uneinheitlich. 1953 Handwerksordnung: Lehrgeld nicht mehr vorgesehen, aber keine klare Pflicht zur Vergütung. Studiengebühren gering, teils erlassen. Staat investiert stark in Hochschulausbau.
Berufsbildungsgesetz
(1969)
Klare Wende: Lehrgeld endgültig verboten. Ausbilder muss zahlen. Ausbildungsvergütung Pflicht. Kosten bleiben privatwirtschaftlich. Studiengebühren werden vielerorts abgeschafft. Hochschulen weitgehend steuerfinanziert.
1970er–1990er Ausbildungsvergütung etabliert. Staat beteiligt sich nur punktuell (überbetriebliche Lehrlingsunterweisung). Studium gebührenfrei, Hochschulen massiv ausgebaut. Bildung als Bürgerrecht.
2005–2014 Keine Änderung: Handwerksmeister dürfen kein Lehrgeld nehmen. Mehrere Bundesländer führen Studiengebühren (ca. 500 € pro Semester) ein → nach Protesten fast überall wieder abgeschafft.
DQR / EQR
(2012/14)
Meisterabschluss auf Stufe 6: formal dem Bachelor gleichgestellt. Aber Kosten für Ausbildung und Meisterprüfung trägt der Handwerker privat. Bachelorabschluss auf Stufe 6: Staat finanziert Hochschulen; private Hochschulen dürfen zusätzlich hohe Studiengebühren verlangen.

 

So stehen sich am Tabellenende zwei Welten gegenüber: hier das Handwerk, das seine Nachwuchsausbildung aus eigener Tasche bezahlt, dort die Universität, die vom Steuerzahler getragen wird – und beide Abschlüsse, so heißt es, seien doch gleichwertig. Ein merkwürdiger Gleichstand.

 

Internationale Unterschiede

 

In vielen Ländern ist berufliche Ausbildung entweder stark schulisch geprägt – wie in Skandinavien – oder nur lose mit der Praxis im Betrieb verknüpft, wie in den USA. Wirklich vergleichbar mit Deutschland ist nur die Schweiz und, mit kleinen Unterschieden, Österreich.

 

 

 

Das deutsche Modell

Das deutsche System gilt international als Vorbild: Ein Auszubildender arbeitet im Betrieb und besucht parallel die staatliche Berufsschule. Im Idealfall sind das etwa 70 % Praxis im Betrieb und 30 % Theorie in der Schule. Doch selbst diese 70 % Praxis sind nicht einfach Produktivität. In dieser Zeit ist nicht nur der Lehrling nicht produktiv, sondern auch der Ausbilder gebunden – in kleinen Betrieben oft  der Meister selbst.

 

Übrig bleiben vielleicht 40 % der Ausbildungszeit für echte Arbeitsleistung, und auch die liegt bei Berufseinsteigern nur bei etwa der Hälfte eines Gesellen. Effektiv erbringt ein Lehrling im ersten Ausbildungsjahr vielleicht 20 %, im zweiten etwa 40 -50 % der produktiven Leistung eines ausgebildeten Arbeitnehmers.

 

 

 

Ökonomische Schieflage

Damit ist die Ausbildung im Handwerk rechnerisch ein Verlustgeschäft. Betriebe geraten dadurch in einen Zielkonflikt: Je gewissenhafter sie ausbilden, desto mehr Zeit geht für unproduktive Unterweisung verloren. Lehrlinge als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen, wird dadurch wirtschaftlich gefördert.

 

So zwingt das System manche Betriebe in einen Widerspruch: entweder Qualitätsausbildung mit Verlust – oder produktive Ausnutzung der Azubis. Dabei gilt die Ausbildung im Handwerk gilt als „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, doch die Gesellschaft beteiligt sich kaum an den Kosten.

 

 

 

Wohnraum und Förderung

Während für Studierende eine breite Infrastruktur vorhanden ist, zeigt sich bei Auszubildenden eine Leerstelle. Die Studentenwerke veröffentlichen regelmäßig präzise Statistiken: Rund 196.000 Wohnheimplätze gibt es deutschlandweit.

 

Für Auszubildende dagegen herrscht weitgehend Dunkelheit. Kaum offizielle Zahlen, kaum eine einheitliche Übersicht. Nur vereinzelte Hinweise: In Berlin existieren etwa 15 Wohnheime für Azubis, bundesweit laufen Programme wie „Junges Wohnen“ – aber niemand kann sagen, wie viele Auszubildende davon tatsächlich profitieren.

 

Auch bei der finanziellen Unterstützung klafft die Lücke: Studierende können auf BAföG, Stipendien und geförderten Wohnraum zurückgreifen – für Auszubildende im Handwerk gibt es solche Hilfen fast gar nicht.

 

 

 

Konsequenzen

So setzt sich das Paradox fort: Der Student wird von der Gesellschaft getragen, der Azubi vom Idealismus seiner Meister. Der eine findet subventionierten Wohnraum und eine Fülle von Stipendien, der andere muss sehen, wie er überhaupt über die Runden kommt. Das funktioniert so lange, wie der Druck nicht steigt und Ausbeutung verhindert werden kann.

 

Doch genau dieser Druck hat in den letzten fünf Jahrzehnten stetig zugenommen. Die 1970er Jahre waren noch geprägt von vielen kleinen, oft familiengeführten Betrieben, in denen die persönliche Bindung zwischen Meister und Lehrling das Rückgrat der Ausbildung bildete.

 

Seit den 1980er Jahren jedoch wuchsen die Importe, zunächst aus Südeuropa, später aus Asien, und setzten das heimische Handwerk unter massiven Preisdruck. Parallel dazu beschleunigte sich die Zentralisierung der Betriebsgrößen: Große Filialbetriebe, Handelsketten und Produktionsverlagerungen verdrängten vielerorts die kleineren Werkstätten.

 

Mit jeder Stufe dieser Entwicklung wurde die individuelle Ausbildungsbereitschaft geschwächt. Denn große Betriebe setzten eher auf standardisierte Abläufe und flexible Arbeitskräfte, während kleine Betriebe – eigentlich die tragende Säule der Lehre – immer weniger Reserven hatten, um Lehrlinge umfassend auszubilden.

 

Im Schuhmacherhandwerk ist diese Entwicklung besonders dramatisch zu beobachten. Die Importschuhe, die seit den 1970er Jahren den Markt dominieren, sind vielfach gar nicht mehr reparabel. Gleichzeitig ist die Zahl der Maßschuhträger so gering geworden, dass sich ein Betrieb allein mit Maßarbeit wirtschaftlich nicht mehr tragen kann.

 

Die Reparatur, einst die verlässliche Grundlage des Geschäfts, ist durch billige Wegwerfimporte weitgehend entfallen. Die wenigen verbliebenen Betriebe könnten zwar ausbilden, doch angesichts dieser Zukunftsaussichten macht es für Berufsanfänger kaum Sinn, in eine Branche einzusteigen, deren wirtschaftliche Basis weggebrochen ist.

 

 

Andere Handwerksbranchen hingegen haben durchaus eine Zukunft. Für sie würde es sich lohnen, das bestehende System grundsätzlich zu überdenken – nicht zuletzt, um den Idealismus der Ausbilder endlich durch eine faire gesamtgesellschaftliche Finanzierung zu ersetzen.

 

Zwischen den Zeilen erkennen Berufseinsteiger schnell, dass die akademische Ausbildung von der Gesellschaft stärker unterstützt wird – und zugleich ein höheres Prestige genießt. Der Berufsanfänger im Handwerk ist auf den Idealismus seines Ausbilders angewiesen und wird im Laufe seiner Karriere selbst Teil eines Systems, das sich von eben diesem Idealismus nährt.

 

Arbeit sollte nicht nur dem Broterwerb dienen, sondern auch Erfüllung bieten. Im akademischen System kann ein Jugendlicher bis zur Professur aufsteigen – eine Position, die gesellschaftlich anerkannt und materiell abgesichert ist.

 

Im Handwerk hingegen führt derselbe Idealismus oft in die unbezahlte Selbstausbeutung. Es stellt sich die Frage: Verlangt die handwerkliche Ausbildung nicht ein wenig zu viel des Guten? 

 

Einst zahlte der Lehrling Lehrgeld, heute nur noch der Student an der Eliteuniversität – und paradoxerweise der Handwerksmeister, wenn er ausbildet.