Das Schuhmacherhandwerk

Das Schuhmacherhandwerk ist mehrere tausend Jahre alt. Vom 17. bis ins frühe 19. Jahrhundert gehörte das Schuhmacherhandwerk sogar zu den beschäftigungsstärksten Handwerken Europas.


Für die Zeit zwischen etwa 1750 und 1830 lässt sich anhand städtischer Zunft-, Steuer- und Bürgerregister zeigen, dass Schuhmacher in vielen Städten das zahlenmäßig größte einzelne Handwerk stellten. 10–15 % aller männlichen Handwerker wurden Schuhmacher. Erst mit der Industrialisierung des Schuhs ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verlor das Handwerk diese dominante Stellung.

 

Diese außergewöhnliche Verbreitung ist kein Zufall. Schuhe waren kein Luxusgut, sondern ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand – für Männer, Frauen und Kinder, für Stadt- und Landbevölkerung, für ziviles Leben ebenso wie für Militär und Handwerk. Der Verschleiß war hoch, Reparatur selbstverständlich, Ersatz regelmäßig notwendig. Kaum ein anderes Produkt begleitet den Menschen so konstant durch alle Lebensphasen.

 

Ein Handwerk mit außergewöhnlicher gesellschaftlicher Präsenz

Die hohe Zahl an Schuhmachern über mehrere Jahrhunderte hatte nachhaltige Folgen.
Das Handwerk prägte Stadtbilder, Wirtschaftsstrukturen und soziale Milieus. In vielen Orten gehörte der Schuhmacher zu den sichtbarsten Berufen: mit eigener Werkstatt, mit Lehrlingen, mit klar geregelter Ausbildung und mit enger Bindung an die lokale Bevölkerung.

 

Diese Präsenz spiegelt sich heute in der Museumslandschaft wider. Deutschland verfügt über mehrere tausend Heimat- und Regionalmuseen. In auffallend vielen von ihnen findet sich eine rekonstruierte oder originale Schuhmacherwerkstatt – oft mit Werkbank, Leisten, Werkzeugen und Halbfabrikaten. Kaum ein anderes Handwerk ist dort so regelmäßig vertreten. Über Generationen hinweg war der Schuhmacher für viele Menschen der zuständige Handwerker für einen elementaren Teil des Alltags.

 

 

Vom Alltagsberuf zum Museumsgegenstand

Gleichzeitig zeigt diese museale Präsenz auch einen Bruch. Während das Schuhmacherhandwerk über Jahrhunderte hinweg allgegenwärtig war, verschwand es im Zuge der Industrialisierung innerhalb weniger Jahrzehnte weitgehend aus dem Alltag. Der handwerklich gefertigte Schuh wurde zur Ausnahme, der industriell produzierte Konfektionsschuh zur Regel.

 

Für heute geborene Menschen ist diese historische Bedeutung kaum noch unmittelbar erfahrbar. Schuhe sind selbstverständlich vorhanden, überall verfügbar und meist preisgünstig – ihre Entstehung bleibt unsichtbar. Dass hinter diesem Alltagsgegenstand über Jahrhunderte eines der größten Handwerke stand, ist aus dem modernen Blickwinkel nicht mehr offensichtlich.

 

 

 

 

Zwei Museen für das Schuhmacherhandwerk

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch eine Besonderheit: Das Schuhmacherhandwerk gehört zu den wenigen Handwerken in Deutschland, für die gleich zwei eigenständige Museen existieren.

 

Beide Museen beleuchten unterschiedliche, aber zusammengehörige Aspekte desselben Handwerks:
seine lange handwerkliche Tradition und seine frühe, tiefgreifende Industrialisierung.

Das Deutsches Ledermuseum widmet sich der Geschichte von Leder und Schuhen in einem kultur- und materialgeschichtlichen Zusammenhang – von frühen Hochkulturen bis in die Gegenwart. Es betrachtet den Schuh als Ergebnis handwerklicher, technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen über Jahrtausende hinweg.

Deutsches Ledermuseum

Frankfurter Straße 86
63067 Offenbach am Main (Hessen)

Öffnungszeiten
Mittwoch bis Freitag: 10:00 – 17:00 Uhr
Wochenende und Feiertage: 11:00 – 18:00 Uhr

Telefon: +49 (0) 69 829798 0
E-Mail: [email protected]
Webseite: www.ledermuseum.de

 

Das Deutsches Schuhmuseum ist aus der regionalen Geschichte der Pfalz hervorgegangen, insbesondere aus der Bedeutung von Pirmasens als industrieller Schuhstandort im 20. Jahrhundert. Hier wird der Übergang vom handwerklichen Schuhmacher zum industriellen Produzenten nachvollziehbar dokumentiert.

Deutsches Schuhmuseum

Turnstraße 5
76846 Hauenstein (Rheinland-Pfalz)

Öffnungszeiten (saisonabhängig)
Von März bis Nov. täglich: 09:30 – 17:00 Uhr 
Im Februar: Montag – Freitag 13:00 – 16:00 Uhr, Samstag & Sonntag 10:00 – 16:00 Uhr
Dezember & Januar: geschlossen

Telefon: +49 (0) 63 92 - 92 33 34-0
E-Mail: [email protected]
Webseite: www.museum-hauenstein.de

 


Schuhmacherhandwerk im historischen Kontext

Daneben existieren Orte, an denen das Schuhmacherhandwerk zwar anschaulich und fachlich korrekt dargestellt wird, jedoch als Teil eines übergeordneten historischen Zusammenhangs und nicht als eigenständiges Schuhmuseum. Auch sie vermitteln Funktion, Arbeitsweise und Bedeutung des Schuhmachers exemplarisch, verfolgen jedoch keinen musealen Hauptschwerpunkt auf Schuhen oder Schuhherstellung selbst.

Die Saalburg dokumentiert das Schuhmacherhandwerk in seinem antiken Ursprung. Archäologische Funde wie Schuhreste, Nägel, Leistenfragmente und Werkzeuge zeigen, dass die römische Armee über spezialisierte Schuhmacher verfügte, die für Herstellung, Reparatur und Anpassung von Militärschuhwerk zuständig waren. Der Schuh erscheint hier bereits als funktional durchdachtes, systemrelevantes Gebrauchsgut innerhalb einer organisierten Infrastruktur.

Saalburg

Am Römerkastell 1
61350 Bad Homburg vor der Höhe

Öffnungszeiten
März bis Okt.: Di bis So, 10:00 – 18:00 Uhr
Nov. bis Feb.: Di bis So, 10:00 – 16:00 Uhr
(Montag geschlossen) 

Telefon: +49 (0) 6175 9374-0
E-Mail: [email protected]
Webseite: www.saalburgmuseum.de

 

Das Freilichtmuseum Hessenpark bewahrt das Schuhmacherhandwerk im Kontext des dörflichen und kleinstädtischen Alltags. In historischen Werkstätten wird der Schuhmacher als selbstverständlicher Bestandteil des lokalen Wirtschaftslebens sichtbar – eingebettet zwischen Bäcker, Schmied und Schreiner. Der Fokus liegt nicht auf industrieller Produktion, sondern auf Reparatur, Gebrauch und handwerklicher Kontinuität im Alltag vergangener Jahrhunderte.

Hessenpark

Laubweg 5
61267 Neu-Anspach
Hessen, Deutschland

Öffnungszeiten
März bis Oktober: täglich 09:00 – 18:00 Uhr 
November bis Februar: sa, sonn- und feiertags 10:00 – 17:00 Uhr (letzter Einlass ca. 16:00 Uhr) 

Telefon: +49 (0) 60 81 588-0 
E-Mail: [email protected] 
Webseite: www.hessenpark.de

 


Bedeutung trotz Bedeutungsverlust

Dass das Schuhmacherhandwerk heute nur noch in wenigen Betrieben handwerklich ausgeübt wird, schmälert seine historische Bedeutung nicht. Im Gegenteil: Gerade weil der industrielle Schuh den Platz des Handwerks weitgehend eingenommen hat, ist die Erinnerung an dessen frühere Rolle umso wichtiger.


Auch heute trägt jeder Mensch Schuhe.

 

Der Schuh ist geblieben – auch wenn das Handwerk, das ihn über Jahrhunderte hervorgebracht hat, weitgehend aus dem Blickfeld verschwunden ist.