Sohlennähte – Die Durchnähmaschine

Wenn genähte Schuhe bei uns zur Reparatur kommen, wird in unserer Schuhmacherei meist eine von zwei Maschinen verwendet:

Die Doppelmaschine oder die Durchnähmaschine. 

 

Zwar gibt es viele Arten, genähte Schuhe zu machen („Macharten“), bei der Sohlenreparatur aber kommen hauptsächlich diese beiden Nähmaschinen zum Einsatz. Gelegentlich auch die Handnaht.

 

Wie Sie die beiden Arten unterscheiden können und welche Reparaturen in Frage kommen wollen wir Ihnen hier etwas näher bringen. 

 

Bei manchen Schuhen ist die Naht auf der Sohle gut ersichtlich (siehe Bild), bei anderen hingegen so tief geschützt im Leder versenkt, das sie, wenn überhaupt, erst nach Ablaufen der oberen Lederschicht zum Vorschein kommt. Doch es gibt weitere Erkennungsmerkmale:

Die Doppelnaht (oben) liegt näher am Rand und  ist mit engeren Stichen genäht als die Durchnähnaht (unten).
Die Doppelnaht (oben) liegt näher am Rand und ist mit engeren Stichen genäht als die Durchnähnaht (unten).

Rund um den Schuh verlaufende Doppelnaht im Wulstrahmen (Storm-Welt). Auch der Fersenbereich über dem Absatz ist mit der Sohle vernäht. 

 

Hier beginnt die Doppelnaht kurz vor der Absatzfront auf einem glatten Rahmen und verbindet den Rahmen mit der Sohle im vorderen Bereich

 

In einem gestuppten Rahmen versenkte Doppelnaht. Der Verlauf ist mit dem bloßen Augenschein nur auf der Sohle erkennbar.

 


An stark beanspruchten Stellen ist das Ablaufen der Nähte früher oder später unvermeidlich. Interessanterweise („Grau, teurer Freund, ist alle Theorie/Und grün des Lebens goldner Baum“) fällt die Sohle dennoch nicht ab. Und das wohl aus mehreren Gründen.

 

Die Ledersohle ist nach einiger Zeit weichgelaufen (eingelaufen). Dadurch folgt sie bereitwilliger den Abrollbewegungen des Fußes, wodurch die Zugkräfte am Rahmen verringert werden. 

 

Zudem wird die Sohle nicht nur durch den Nähfaden selbst gehalten, sondern auch durch den „Knoten“ zwischen Oberfaden und  Unterfaden, der auch bei teilweise abgelaufenem Unterfaden immer noch wie ein „Anker“ wirkt.

 

Zusätzlich sind die Sohlen verklebt, allein schon um das früher gefürchtete „Knarren“ der Schuhe zu vermeiden. Die Klebung sorgt zusätzlich dafür, das die nun schon weich gelaufene Sohle sich nicht ablöst.


Bei  rahmengenähten Schuhen und Ihren Varianten werden durchgelaufene Nähte

bei der Neubesohlung mit der Doppelmaschine erneuert.


Sohlen Variationen von Reparaturen an rahmengenähten Schuhen

█  Die Durchnähnaht

Beim Durchnähen werden (Lauf-)Sohle, Schaft, Futter und Brandsohle in einem Arbeitsgang mit einer Naht verbunden. 

 

 

Diese Nähtechnik war vor ca. 1850 – der Erfindung der Durchnähmaschine (Blake) – völlig unbekannt und machte damit eine revolutionär neue Machart möglich.

 

 

 

Die durchgenähte Machart bietet dem Hersteller den Vorteil, alle Komponenten in einem Arbeitsgang miteinander zu vernähen.

Das bringt in dieser Ausführung aber zwei Nachteile mit sich:

 

  1. Ist die Naht beschädigt, ist die Verbindung aller Komponenten in Gefahr.


  2. Der Stichkanal geht komplett durch den Schuh hindurch. Das macht den durchgenähten Schuh besonders wasserdurchgängig. 
Hier wird die plangeschliffene Originalsohle mit der Durchnähmaschine angenäht. Die Laufsohle wird anschließend aufgeklebt, um das direkte Eindringen von Wasser in den Schuh zu verhindern.
Hier wird die plangeschliffene Originalsohle mit der Durchnähmaschine angenäht. Die Laufsohle wird anschließend aufgeklebt, um das direkte Eindringen von Wasser in den Schuh zu verhindern.


Naht Von Innen — beim Durchgenähten Schuh

Die im Inneren des Schuhes sichtbare Durchnähnaht.

Beim durchgenähten Schuh sehen Sie im Vorfußbereich die Naht der Durchnähnaht. Stichabstand und Lage sind identisch mit der auf der Sohle eventuell ebenfalls sichtbaren Durchnähnaht. Haben die Stiche auf der Laufsohle einen anderen Abstand oder eine andere Lage (weiter aussen) wird es sich um die Stiche der Doppelnaht handeln. Sind keine Stiche sichtbar, sind diese entweder im Riß versteckt oder die Sohle ist auf eine durchgenähte Zwischensohle geklebt worden.


Durchnähnaht Von Unten — BEIM DURCHGENÄHTEN SCHUH

Beim durchgenähten Schuh ist die Durchnähnaht auf der Sohle selten sichtbar, da diese Ur-Konstruktion wegen Ihrer Nachteile nur selten so ausgeführt wird. Wenn sichtbar (siehe Bild), dann liegt die Naht im Vergleich zur Doppelnaht weiter vom Sohlenrand entfernt und wird im Vergleich zur Doppelnaht mit größeren Stichabständen durchgeführt.

 

Auch die Reparatur so auszuführen hat zwei Nachteile:

Der Stichkanal geht wieder komplett durch den Schuh.

Zudem sind die alten Stiche beim Nähen nicht sichtbar, es kann nicht in die alten Stiche genäht werden. Das wiederholt sich bei jeder Reparatur, die Brandsohle wird so immer weiter perforiert.

 

Bei den meisten durchgenähten Schuhen liegt die Durchnähnaht  schon versteckt in einem Riss oder unter der – dann aufgeklebten oder angedoppelten – Laufsohle, um dem schnellen Eindringen von Wasser vorzubeugen.

 

Bei der Reparatur von durchgenähten Schuhen erneuern wir die Naht nach Möglichkeit unter der dann aufgeklebten Laufsohle.

 

Das bietet mehrere Vorteile:

  • Die Stichkanäle gehen nicht mehr durchgängig von Laufsohle zu Brandsohle, Wasser dringt nicht mehr so leicht ein. 

  • Der Schuh wird – abgesehen von der Herstellung – nur ein weiteres Mal durchgenäht, das Material also nicht immer mehr „perforiert“.

  • Weitere Sohlenreparaturen sind kostengünstiger, da alle weiteren Besohlungen in geklebter Machart ausgeführt werden können .


Bei  Durchgenähten Schuhen und Ihren Varianten werden durchgelaufene Nähte

bei der Neubesohlung mit der Durchnähmaschine erneuert.


Warum heute noch genähte Schuhe kaufen?

1911 gelang es Francesco Rampichini erstmals, einen Klebstoff zu entwickeln, der Leder dauerhaft verkleben konnte. Dieser neue Kleber, vor allem die damit verbundene neue AGO-Machart,  setzte sich durch und löste die bis dahin weit verbreiten holzgenagelten und rahmengenähten Schuhe nach und nach ab.

 

Ganz verschwunden sind genähte Schuhe jedoch bis heute nicht, denn sie bieten gegenüber geklebten Schuhen immer noch unschätzbare Vorteile. Neben weiteren genähten Macharten und Varianten, wie z. B. flexibelgenäht, zwiegenäht oder trigenäht finden Sie heute bei genähten Schuhen vor allem durchgenähte und rahmengenähte Schuhe.

 

Material: Eine genähte Machart stellt ganz allgemein gewisse Grundbedürfnisse an die Qualität des Materials, denn minderwertiges Material würde beim Nähen reissen. Manche Materialien lassen sich zudem gar nicht dauerhaft verkleben: Pferdelederschuhe werden  daher eigentlich immer in rahmengenähter Machart hergestellt, da das Leder – durch die Gerbung bedingt – sehr ölig und fettig ist. Durch den durch die Machart bedingten höheren Verkaufspreis ist daher letztlich auch nur die Verwendung hochwertiger Materialien sinnvoll.

Die Vorteile von Leder, das viele für den Schuh essentiell wichtige Eigenschaften in EINEM Material vereint, sind auch heute unter Fachleuten nach wie vor unbestritten. Während bei geklebten Schuhen meist Pappe, und Kunststoffe verwendet werden, bestehen genähte Schuhe meist aus Leder, spätestens in gehobenen Preiskategorien. 

 

Herstellung: Neben der Anschaffung zusätzlicher Maschinen erfordert die genähte Herstellung (wie auch deren Reparatur) gegenüber der geklebten Machart viele weitere Arbeitsschritte. Selbstverständlich ein entscheidender Kostenfaktor. Der Hersteller genähter Schuhe landet schon allein dadurch automatisch im gehobenen Preissegment. Das Personal ist zudem hochqualifiziert und auf komplizierte (und zum Teil sehr alte aber unersetzbare) Maschinen eingearbeitet.

 

Das Ergebnis ist auch heute noch ein kleines technisches Konstruktions-Wunderwerk.

Als Turnschuhtragender 15-jähriger habe auch ich mich gefragt, was an genähten, harten Lederschuhen so besonders sein soll. Doch wer Sie mal längere Zeit getragen hat, weiß, das der Tragekomfort jedem billigeren weichen „Geklebten“ vorzuziehen ist und im Wortsinn: überdauert. 

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©Andreas Baumbach 2017,  www.schuhmachereibaumbach.de