Der Schusterjunge in der Typografie

 

Als Schusterjunge bezeichnet man in der Typografie die erste Zeile eines Absatzes, die am unteren Ende einer Seite oder Spalte alleine steht, während der restliche Absatz erst auf der folgenden Seite oder Spalte fortgesetzt wird. Diese isolierte Stellung der Anfangszeile wirkt störend auf den Lesefluss und gilt als typografischer Fehler.

 

Gegenstück
Das Gegenstück zum Schusterjungen ist das Hurenkind: Hier befindet sich die letzte Zeile eines Absatzes am oberen Rand einer neuen Seite oder Spalte, ohne den Zusammenhang zum vorherigen Absatzteil. Beide Erscheinungen werden im professionellen Satz als Mängel betrachtet.

 

Ursache und Vermeidung
Schusterjungen entstehen durch den automatischen Textumbruch beim Seiten- oder Spaltensatz. Sie lassen sich vermeiden durch:

  • gezielte Silbentrennung,

  • Anpassung von Wort- und Zeichenabständen,

  • Änderung des Umbruchs einzelner Absätze.
    Moderne Layoutprogramme (z. B. InDesign, LaTeX) verfügen über automatische „Witwen- und Waisen“-Kontrollen, die diese Fehler erkennen und verhindern können.

Etymologie
Die Herkunft des Ausdrucks ist nicht eindeutig geklärt. Vermutet wird ein Bezug auf die Vorstellung eines unbeholfenen Lehrlings, der voreilig vorausläuft und dadurch „allein“ bleibt – vergleichbar mit der einzelnen Absatzzeile am Seitenende. Die Bezeichnung stammt wie viele Fachbegriffe aus der historischen Druckersprache, die oft bildhaft und volkstümlich war.

 

Internationale Bezeichnungen
Andere Sprachen verwenden andere Metaphern:

  • Englisch: orphan (Waise) für den Schusterjungen, widow (Witwe) für das Hurenkind.

  • Französisch: orphelin (Waise) und veuve (Witwe).

  • Deutsch: besonders bildhafte Begriffe aus der Handwerkswelt („Schusterjunge“) und derb-volkstümliche Ausdrücke („Hurenkind“).

 

Bewertung
In der klassischen Typografie gilt die Vermeidung von Schusterjungen und Hurenkindern als Grundregel guter Textgestaltung. Sie dient der optischen Geschlossenheit, dem gleichmäßigen Rhythmus und dem störungsfreien Lesefluss.