Bierstadt, ein kleiner Ort mit 13.000 Einwohnern.
Seit den 1990er Jahren wurden allein in Bierstadt 47 Geschäfte - verteilt auf 35 verschiedenen Branchen geschlossen.
Besonders stark betroffen war das Metzgerhandwerk mit vier Betrieben. Jeweils zwei Schließungen gab es bei den Bäckern, Blumengeschäften, Elektrogeschäften, Gaststätten, Kinderbekleidungsläden,
Reitsportgeschäften, Massagepraxen, Versicherungsbüros und Weinhandlungen.
Darüber hinaus verschwand jeweils ein Geschäft aus den folgenden Branchen: Café/Konditorei, Damenbekleidung, Dessous, Drogerie, Eventagentur, Fahrradgeschäft, Fotogeschäft, Freudenhaus, Gardinen-
und Heimtextilien, Geschenkartikel, Handarbeit und Wolle, Handyladen, Haushaltswaren, Judoschule, Kaminfachgeschäft, Kaufhaus, Kiosk, Lebensmittel/Feinkost, Maßschneider, Musikgeschäft, Outdoor-
und Skiartikel, Parfümerie, PC-Reparatur, Reinigung, Sanitätshaus, Schmuck, Schuhgeschäft, Schuhmacher, Second-Hand-Laden, Sonnenstudio, Spielwaren, Tankstelle, Videothek und Zoohandlung.
Damit gingen nicht nur die Geschäfte verloren. Verloren gingen zugleich auch die Arbeitsplätze, die diese Betriebe boten, die Gewerbesteuereinnahmen für den Ort und vor allem die Vielfalt sowie das alltägliche Angebot, auf das jeder einzelne Einwohner zurückgreifen konnte.
Beispiele aus der Wiesbadener Innenstadt
| Jahr | Geschäft | Kommentar |
| 2006 | Wäschehaus Poulet (Kirchgasse) | Ende nach 166 Jahren Tradition |
| 2018 | „Der Ebert“ (Bleichstraße) | Schluss nach 111 Jahren |
| 2022 | Bastlerquelle Stiefvater (Rheinstraße) | Traditionsladen für Modellbau und Basteln, 84 Jahre |
| 2022 | Bäckerei Meinhardt (Kloppenheim) | Älteste Bäckerei Wiesbadens, traditionsreiches Handwerk |
| 2023 | Benetton (Kirchgasse 58) | Modekette, Filiale in zentraler Lage |
| 2023 | Hallhuber & Scotch & Soda (Kirchgasse 53) | Zwei Modemarken verschwanden gleichzeitig |
| 2023 | Britmania (Innenstadt) | England-Shop, 14 Jahre in Wiesbaden |
| 2024 | Weltladen (Oranienstraße 52) | Fair-Trade-Geschäft, 37 Jahre in Wiesbaden |
| 2024 | Teppich Michel (Wilhelmstraße) | Traditionshaus, 125 Jahre in Familienbesitz |
| 2024 | Musikalien Petroll (Dernsches Gelände) | Notenfachgeschäft, 43 Jahre Anlaufstelle für Musiker |
| 2025 | „Innenleben“ (Wilhelms-Arcade) | Concept-Store, 30 Jahre in Wiesbaden |
| 2025 | „Lillys Geschichte“ (Mauergasse) | Confiserie/Chocolaterie, kleine Ladenperle |
Während die Aufstellung für Bierstadt recht vollständig ist, wäre es für ganz Wiesbaden schon aus Platzgründen leider unmöglich, alle Schließungen hier aufzuführen.
Kommt da Wehmut auf? Ein leises Bedauern über den Verlust vertrauter Namen und Orte?
Oder zucken Sie jetzt nur mit den Schultern, weil der nächste Online-Button ohnehin schneller gedrückt ist als der weite Weg in die mittlerweile ohnehin verwaisten Innenstadt?
Schon vor zehn Jahren habe ich hier im Blog die Frage gestellt: Werden die Fachgeschäfte aussterben?
Damals war es noch eine Prognose, heute ist es traurige Realität. Die Schlagzeilen der letzten Jahre sprechen für sich: Seit der Jahrtausendwende hat Deutschland rund 120.000 stationäre Geschäfte verloren. Allein zwischen 2015 und 2023 sank die Zahl der Läden nach Angaben des Handelsverbands Deutschland (HDE) um über 50.000 – und bis 2030 könnten noch einmal bis zu 60.000 Fachgeschäfte verschwinden.
Besonders betroffen: kleine, inhabergeführte Läden, die weder die Mietpreise der Innenstädte noch den Preisdruck durch Online-Riesen und Rabattschlachten stemmen können.
Doch trotz – oder gerade wegen – dieser dramatischen Entwicklung erscheinen immer noch Kommentare wie dieser zum "legalen Beratungsklau":
„Der Kunde ist König. Er allein entscheidet, wann er was, wo und zu welchem Preis kauft. Und er entscheidet auch, wo und wie er sich über Produkte informiert. Das ist sein gutes Recht.“
„… der stationäre Handel … muss sich intelligente Strategien überlegen … Dazu gehören insbesondere auch geschickte Preisstrategien. Denn … wenn der Preis nicht stimmt, geht der Kunde.“
Dem zur Verlagsgruppe gehörenden Wiesbadener Kurier habe ich dazu folgenden Leserbrief geschrieben:
„Der Kunde ist König“ – so beginnt der Kommentar. Doch wenn man diesen Vergleich schon bemüht, sollte man ihn zu Ende denken: Ein König trägt Verantwortung für sein Reich. Was wir heute erleben, ist der Bankrott des Königreichs „Kunde“.
Das Dekret ist banal: „Geiz ist geil“. Doch kein Geschäft der Welt kann Ware zum Einkaufspreis oder darunter verkaufen. Fachpersonal kostet Lohn, ein schönes Ladenlokal kostet Einrichtung und Miete, eine große Auswahl kostet Vorfinanzierung. Je höher die Ansprüche, desto höher die Kosten.
Diesen rechnerisch ebenfalls banalen Sachverhalt streift der Kommentar zwar, um dann reflexhaft die Schuld für die verwaisten Innenstädte sofort erneut den Untertanen in die Schuhe zu schieben – den Geschäften, die bitteschön neue Strategien erfinden sollen. Und was wird vorgeschlagen? Ausgerechnet die ältesten von allen: Preisstrategien.
Ohne Rabatte funktionierte dieses System jahrzehntelang, bis mit dem Fall des Rabattgesetzes der Bock zum Gärtner gemacht wurde. Aus drei Prozent Nachlass wurden 30, 50 oder 70 – und trotzdem, nein gerade deshalb, bleibt die immer billigere Ware mit immer weniger Auswahl durch immer schlechtere Beratung in immer trostloseren Läden, in verwaisten Innenstädten und Dörfern hängen. Das weiter zu steigern soll die Lösung sein?
„Ich bin ja nicht blöd“, denkt sich der König Kunde und glaubt, Beratung und Service gäbe es gratis dazu. Stimmt natürlich – denn der Kunde hat immer recht. Nur: Ein solcher König ist tatsächlich nicht blöd. Das Wort lässt sich steigern.
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Laut ifo-Institut haben die Innenstädte seit Corona einen Rückgang der Passantenfrequenz um bis zu 40 % erlebt.
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Der HDE schätzt, dass bis 2030 jeder fünfte Laden in Deutschland verschwunden sein wird – besonders kleine Fachgeschäfte.
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Schon heute stehen in manchen Mittelstädten über 15 % der Ladenflächen leer – Tendenz steigend.
Hoffnungsschimmer: Fachgeschäfte, die bleiben
Und doch gibt es sie noch, die positiven Beispiele: Geschäfte, die auf Qualität statt Rabattschlacht setzen. Läden, in denen Kunden nicht wie Könige hofiert, sondern wie Menschen behandelt werden – auf Augenhöhe. Dort hört man von Kundenseite dann oft den Satz: „Ach, was bin ich froh, dass es Sie noch gibt.“
Genau das ist der Unterschied: Kunden, die selbst rechnen können, wissen, dass Qualität ihren Preis hat. Und sie wissen auch, dass Beratung, Auswahl und Service nicht vom Himmel fallen, sondern von Menschen geleistet werden, die davon leben müssen.
Der „König Kunde“ hat lange Zeit sein eigenes Reich ruiniert. Doch er hat es auch in der Hand, die Trümmer nicht sich selbst zu überlassen. Denn so banal die Rechnung ist: Nur wer bereit ist, fair zu zahlen, hat auch künftig noch die Wahl zwischen echten Fachgeschäften.
